Juli 30th, 2009 by Bärbel Bimschas · Autoren, Bücher
Jonas ist ein kleines Licht in einer Werbeagentur, führt eine konventionell-verstummte Ehe, hat zwei kleine Söhne und selbstredend eine Affäre. Eine Situation, so langweilig, dass sie literarisch eher unbrauchbar scheint. Doch da taucht, aus der gerade angeworfenen Erzählmaschine, eine geheimnisvolle Gestalt auf, die Jonas die Erfüllung dreier Wünsche in Aussicht stellt. Und da Jonas modern-schlau genug ist, hat er nicht alsbald eine Bratwurst an der Nase, sondern die Erfüllung aller seiner möglichen Wünsche in der Zukunft bestellt. Also unbewusst auch die der unbewussten – zwangsläufig wird er von Ereignissen überzogen, deren Gehalt an Wunscherfüllung ihm gar nicht klar ist.
Lange Zeit dachte ich, das geht schief, da hat einer zu viel Freud gelesen, da konstruiert er noch den nightmare als Wunscherfüllung, da verrennt er sich, der Glavinic, so wie sein Protagonist. Lesbar dennoch, ich folgte den Wirbeln. Fand einen sehr männlichen Erzählstil, eine männliche Perspektive, technisch noch bis in die Konkretion (Heizung nachfüllen, Autos, Schnellboot und natürlich Aktien, Aktien, Aktien!), Emotionen gegenüber konsequent hilflos rätselnd. Ausgeliefert einem Leben in minimaler Selbsterkenntnis.
Also muss sie von „Außen“ kommen, die Selbsterkenntnis, aus dem Wirken des mysteriösen Wunscherfüllers, der Jonas’ inneres Wunschgeflecht, diesem unbekannt, in die Welt zerrt und entwirrt, dafür diesen aber nicht weniger verwirrt.. Oder doch alles nur Zufall, wer kann das wissen? Der Protagonist jedenfalls nicht – und der Autor mag ihm nicht zu Hilfe kommen. Denn er, der Autor, hat ja Jonas hingestellt, und ist selbst der experimentierende Alchemist mit den Wünschen. Welche Wünsche kann einer haben, der ein ganz normales, eher doch langweiliges Leben führt, unperfekt, aber nicht wirklich unzufrieden? Und so katapultiert in einer Art doppeltem Spiegelverhältnis der Autor aus seiner Figur heraus, was mit ihr geschähe, wenn…
Seltsam leblos wirkt das oft, nicht nur an den geisterhaften Stellen lückenfüllenden Surrealismus’mit Untoten, auch sonst. Das Leben der Wünsche ist wohl gar kein Leben, das Leben besteht auch aus Widerstand und Veränderung (der Wünsche selbst) und Konfrontation mit Unerwünschtem – und wahrscheinlich, das Buch legt das nahe: Aus Verzicht, um der Menschen willen, die konsequente Wunscherfüllung eines Einzelnen kommt ohne eine Anhäufung von Leid bei anderen nicht aus. Passend dazu erscheint die Vorstellung Jonas’, dass vielleicht die anderen gar nicht wirklich leben, denn ihr Schmerz hat keinen Sinn. Ihr Schmerz hat keinen Sinn, stört ihn aber auch nicht nachhaltig. Auch das eine konsequente, prototypische männliche Perspektive – diese Wünsche sind fürsorge- und empathiefrei. Die Kinder versorgt wissen wollen, aber nicht versorgen wollen, die Geliebte haben wollen, aber deren Bedürfnisse in keiner Sekunde erkennen wollen.
Und so funktioniert die Konstruktion dann doch: Das Leben als radikale Wunscherfüllung eines, der nie nahe kommt den anderen – da hat die Geliebte am Ende eben die Bedürfnisse, die er auch hat und da sind die Kinder beschwerdefrei gut versorgt. Da fallen Späne zwischendrin, wo ex machina gehobelt wird. Und da ist auch das Ende nur konsequent: wunschlos glücklich er, die anderen nicht wichtig, muss der Vorhang fallen. Im Film: der Abspann.
Und das ist dann doch alles Ideologie, Ideologie des Verzichts, klassischster Freud, der warnte, dass die Triebe, dürften sie alles, zerstörerisch wären wie sonst was, asozial eben. Und auch Glavinic schafft keine utopia reale, in der auch nur irgendein gemeinschaftliches Leben als glücklicheres hervorschiene. So bleibt es bei einer fulminant durchgearbeiteten Entsagungsliteratur, auf dem Grunde einer beklemmenden Kälte, die Eros mit Sex verwechselt und Menschen in ihrer Monadenhaftigkeit zeigt. Oder wie Adorno gesagt hat: Wir wollen alle geliebt werden, weil wir nicht lieben können.
Thomas Glavinic
Das Leben der Wünsche
Hanser Verlag
Erscheint am 17. August 2009
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Juli 25th, 2009 by Bärbel Bimschas · Autoren, Malerei, Reisen
Von Frankfurt aus die Welt entdeckend, in kleinen Stücken versteht sich, zeigt sich ein Weg, der wieder nach Frankfurt führt. Besser gesagt: Hier begann.
Und so beginne ich zurückkehrend von dem kleinen Stück festem Sand im Meer Julia Francks Die Mittagsfrau zu lesen, der Zusammenhang fiel erst nach der Reise auf.
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Gespräch mit Frankfurter Maler Frank Grüttner
Sie gehören dazu: Samuel Beckett, Peter Suhrkamp, Siegfried Unseld, Ulla Berkéwicz. Es ist eine jetzt 15jährige Geschichte mit einer Vorgeschichte und sie gehört in die Gegenwart des Jahres 2009. Es fängt in Berlin an und spielt in Frankfurt am Main.
10.3.1953
Frank Grüttner: Das war die Premiere von Warten auf Godot. Ich war damals in meiner Klasse zuständig für die Theaterkarten am Arndt-Gymnasium in Berlin. Damals kostete eine Theaterkarte für Schüler 1 Mark und vom Senat gefördert gab es für jede Theateraufführung, auch bei Premieren, Schülerkarten. Ich habe, ein 13jähriger, in der 3. Reihe gesessen bei der Premiere von Warten auf Godot im Schloßpark Theater. Ich saß direkt hinter Suhrkamp, Beckett, Friedrich Luft – ohne zu wissen, wer da vor mir sitzt. Und ich war der einzige, der immer gelacht hat. Dann dreht sich während der Vorstellung einer der vor mir Sitzenden um und sagt: Du bist eingeladen zum Feiern. Als er dann auf die Bühne gerufen wurde, wußte ich erst: Das war der Dichter, das war Beckett. Er konnte gut deutsch. Ich habe mit ihm im Fundus gesessen und eine Cola getrunken. [Mehr lesen →]
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Mai 18th, 2009 by Norbert Saßmannshausen · Theater
& der neue Intendant des Schauspiel Frankfurt

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Mai 17th, 2009 by Peter Gold · Fotografie
Während einer der letzten Krisen der Weltwirtschaft, die kamen und gingen, ohne die erschütterte und erschütternde Ökonomie zu bessern, wurde zur Anregung eines abflauenden Geschäftszweigs ein Rezept angewandt, das wir seit langem kennen. Man verkaufte etwas unter Wert, um anschließend auf seine Kosten zu kommen, sobald die Folgekosten jener billigen Anschaffung anfielen. Es handelte sich um eine Black Box, die für vier Mark zu haben war.

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April 13th, 2009 by Peter Gold · Wissenschaft
Wer sich davonstehlen will von ‘unserem’ Planeten, zumindest virtuell, kann dessen angestaubte Atmosphäre verlassen, indem er sich einem Delta-Gleiter anvertraut, um sich mühe- aber nicht gedankenlos ins All zu versetzen. Dahinter steckt ein ausgeklügeltes Programm namens Orbiter, ein Space Flight Simulator von Martin Schweiger, kostenlos und anspruchsvoll, der von allen Seiten unterstützt wird. Inzwischen gibt es diverse Ergänzungen und Erweiterungen des Szenarios, das grafisch und physikalisch ein einziges Lehrstück ist, ohne auch nur im geringsten daran zu erinnern. Es läßt sowohl die echte Physik des Planetensystems anschaulich werden, als auch die echte Technik, frei von der ansonsten überall anzutreffenden Umdeutung durch aggressive Computerspielereien, welche am rücksichtslosen Kriegszustand primitiver Individuen interessierter sind als an irgendeiner intellektuell angehauchten Auseinandersetzung mit komplexen Wechselwirkungen in der wirklichen Natur. Nicht auf das blinde Einsammeln erwerbbarer Punkte kommt es an, nicht darauf, sich in einem ausgedachten engen Spielraum auszukennen, sondern darauf, einen echten Ausflug zu machen, um sich mit offenen Augen in die Weite des Raums zu begeben.
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März 31st, 2009 by Norbert Saßmannshausen · Allgemein, Autoren
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März 31st, 2009 by Norbert Saßmannshausen · Allgemein
seit ich in der ersten Klasse die Tafelbeschriftung im Nebenraum einscannte, habe ich so unendlich viel Wissen eingesammelt, nachdem mich nie jemand gefragt hat. Wieso eigentlich? Irgendwie ist da ein Missverhältnis in mein Leben getreten: Ich bin schlau, und weniger schlaue Menschen (ich meine jetzt nicht dich) texten mich bedingungslos zu und ich sehe meine weihevolle Aufgabe darin, mir das an zu hören. Tja.
Tja. Tja. Tja.
Zitatende. Danke dafür!
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März 27th, 2009 by Peter Gold · Wissenschaft
Ein kleines Mädchen, gelangweilt von den Gesprächsfetzen bei Tisch, die es kaum noch wahrnimmt, starrt in den Suppenteller. Dem Blick bietet sich ein nettes Durcheinander von Buchstaben dar, denn was da langsam erkaltet, ist eine Buchstabensuppe. So klein ist das Mädchen nun auch wieder nicht. Seit es gelernt hat zu buchstabieren und zu schreiben, weiß es, welcher Buchstabe auf welchen folgt, ähnlich wie beim Zählen ja eine Zahl nach der anderen kommt. Aber was kommt nach dem ‘Z’, dem letzten Buchstaben im Alphabet? Als sie darüber nachgrübelt, fällt der Kleinen plötzlich ein, daß ihr älterer Bruder mal von ‘Buchstabenrechnung’ gesprochen hat, die sie gerade durchnähmen. Erklärt hat er weiter nichts. Was das wohl sein mag, ‘Buchstabenrechnung’? Ist es etwa so, daß Buchstaben genau wie Zahlen nicht nur aufeinanderfolgen, sondern auch zusammengezählt werden können. Dann gäbe es wohl so eine Art ‘Suppenrechnung’, bei der Buchstaben statt Zahlen summiert würden.
Aber wie soll das geschehen? Das Mädchen überlegt angestrengt,
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März 14th, 2009 by Norbert Saßmannshausen · Allgemein, Autoren

Im Wintersemester 1982/83 las Wolfgang Koeppen im Hörsaal VI der Frankfurter Uni Poetikvorlesungen. Das Foto entstand während einer der ersten Vorlesungen. Wolfgang Koeppen starb am 15. März 1996.
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