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Eine von uns (Teil 1)

März 12th, 2009 · Bislang keine Kommentare

Sibylle , so dürfen wir sie für die Dauer dieses Beitrages nennen, Sibylle ist heute mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Sibylle , so konnten es Leser der Süddeutschen und des Perlentauchers vor einigen Wochen erfahren, war eine von uns gewesen, eine Genossin von Spartacus-BL (Bolschewiki-Leninisten). Im Bekenntnistext in der SZ werden Erlebnisse mit der BL aus den Siebziger Jahren verdichtet  zu einer, na sagen wir: Selbstanklage: Ich, Sibylle , war auch dabei, habe Trotzki (Trotzky) gelesen, die Stalinisten gehaßt, die verratene Revolution diesmal korrekt und richtig als permanente und Weltrevolution mit reinem Herzen und ohne Blut an den Händen durchführen wollen, habe dafür mehr oder wenige eklige Menschen, von denen einige sogar aussahen wie geleckte Eier, andere wiederum wie seit der Oktoberrevolution nicht mehr gewaschene Russen, als Genossen ertragen und in das Haus meiner Eltern gelassen.

Es war keine einfache Zeit damals, weder für Sibylle  noch für uns im Politbüro und ZK von Spartacus-BL. Wenn ich Sibylles  Text richtig interpretiere, so ist sie erst nach der Spaltung zu Spartacus geraten. Spartacus immer mit “c” geschrieben, war ja als KJO entstanden, in Westberlin, irgendwie mit der IKD verbandelt, aber so genau kenne ich meine politische Vorgeschichte leider auch nicht und das 1000seitige Werk “Geschichte des Trotzkismus in Deutschland” gibt es ja immer noch nicht. Nicht alle, die damals in diesem Verein waren, waren damals wegen ihrer Schmudeligkeit so attraktiv, dass süddeutsche Mädels wie Sibylle mit ihnen die Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg, ohne Verdummung und Lüge, ohne Profitrate teilten. Peter Brandt, der in Westberlin zu den Mitgründern von Spartacus-KJO gehörte, war meiner Erinnerung nach nie schmudelig. Na ja, und Otto Kallscheuer, der zunächst mit Ontologie und Hegel das Konzept des Aufbaus von Spartacus-KJO als strategischem Schritt zum Aufbau einer revolutionären, den Traditionen von Liebknecht und Trotzky verpflichteten Partei sah und dieses Konzept wortreich im Roten Anfang aus Bonn verteidigte, natürlich eng verbunden mit dem Aufbau der proletarischen Weltpartei, einer neuen IV. Internationale (die alte IV. war ja leider auch verraten worden und bereits kurz nach Trotzkys Ermordung in einen unheilvollen, vor allem zentristischen Sumpf geführt worden), dieser unser Otto Kallscheuer war – meiner Erinnerung nach – nie ein schmudeliger Typ gewesen. 

Obwohl – es hatte sie gegeben, unsere Genossen, die so aussahen, wie wir uns heute noch russische Mönche in Andreas Maier-Romanen vorstellen dürfen. Und es hatte sie gegeben: Die endlosen Diskussionen. Einige der damaligen Fragestellungen scheint die Geschichte beantwortet zu haben: Ob die Sowjetunion ein Arbeiterstaat sei mit einem bürokratischen Herrschaftssystem obendrauf oder ein staatskapitalistisches System, ob die Krise der Menschheit nicht im wesentlichen eine Krise ihrer Führung sei, ob Vietnam nach dem Sieg über die Amerikaner ein Arbeiterstaat werden kann, und ob die IV. Internationale im eigentlichen Sinne jemals bestanden hat (so wie sie von Trotzky gedacht war) und dann degenierte oder ob die IV. Internationale eigentlich nie bestanden hat, sondern erst jetzt, wo in allen Ländern junge Genossen (und Genossinnen wie Sibylle ) den Leninismus und den Trotzkismus (Trotzkismus ist ja im eigentlichen Sinne der Leninismus unserer Zeit, also keinesfalls ein Gegensatz, sondern nur eine aktualisierte Fassung des revolutionären Bolschewismus, wie ihn Lenin verkörperte – versteht man mich noch?) weiterdenken und neuorganisieren, also ob nicht eigentlich … 

Ich verstehe: Sie verstehen das nicht. Das ist aber nicht neu, das liegt nicht an PISA oder der Länge der Sätze oder gar an Ihrer Intelligenz. Das war damals nicht anders: Es war schwierig, kompliziert, nicht einfach.  Wir, also Sibylle und ich, wenn es es ausnahmsweise einmal personalisieren darf, fanden es auch damals sehr schwer zu begreifen. Und ich verstehe, dass diese endlosen Diskussionen letztlich immer noch nicht beendet sind, zumindest wenn ich dem flüchtigen Blick in die Zeitungsecke der Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße glauben schenke. Aber ich glaube, Sibylle und ich, wir hatten eine Ahnung davon, was das heißen könnte, was das bedeuten kann … Oder glaubten eine Ahnung davon zu haben. Die Schwierigkeit war doch eine Art Beweis. Eine Art Gottesbeweis, oder? Ohne Gott natürlich. Aber ein Beweiss dafür, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Denn die Anderen, die Stalinisten, die Reformisten, die hatten es sich immer einfach gemacht: Realpolitik, machen was geht, und wenn es eben der “Sozialismus in einem Land” ist – wir wußten ganz genau: So einfach ist das nicht. Wir müssen viel länger darüber diskutieren, reden, schreiben …

Preis der Leipziger Buchmesse 2009, Kategorie Belletristik: Sibylle Lewitscharoff für “Apostoloff” (Suhrkamp Verlag)

[Fortsetzung folgt]

Tags: Allgemein · Mein Trotzkismus

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